Explosiv und brandgefährlich

Die ehemalige Celluloidfabrik („Industriehof“) in Speyer neu in der Denkmalliste

1897 gegründet, wurde die Celluloidfabrik „Kirrmeier und Scherer“ in Speyer zu einer bemerkenswerten Erfolgsgeschichte. Als das Werk zu den reichsweit größten Produzenten gehörte, zählte man bis zu 1.000 Beschäftigte. Nitrocellulose, Kampfer und Alkohol waren die Basis für das Rohcelluloid, das man zu Halbfertigerzeugnissen für Produzenten etwa von Filmträgern, Spielwaren und Schmuck weiterverarbeitete. Doch führte die Konkurrenz neuer synthetischer Produkte letztendlich 1968 zur Schließung des Werkes.

Die Gesamtanlage gehört zu den größten Industriebaudenkmälern im Lande und ist von hochrangiger Bedeutung für die überregionale Wirtschaftsgeschichte. Sie erweist sich als das Ergebnis einer permanenten Bautätigkeit, die ihre Dynamik aus den konjunkturellen und technischen Entwicklungen bezog. Der Brandschutz spielte wegen der feuergefährlichen Materialien eine zentrale Rolle. Dennoch kam es immer wieder zu Bränden und Explosionen.

Der Baubestand ermöglicht die Ablesbarkeit der einzelnen Ausbauphasen und der Funktionszusammenhänge. Er findet sich in einer städtebaulichen Ordnung wieder, die sich konsequent einem orthogonalen System mit zentraler Magistrale unterordnet. Ihre besondere Qualität resultiert aus markanten Blickachsen und Gebäudegruppierungen. Die Verteilung der Bauten erklärt sich aus den Betriebsabläufen wie auch aus der Brandgefahr, die Sicherheitsabstände verlangte. Im Produktionsprozess maßgebliche Bauten dominieren das Bild: die Wäscherei mit zinnenbekröntem Turm, die Spriterei, die Neue Nitrierung, die als Solitär hervorsticht. Sheddächer und aufgeknickte Sattelglasdächer prägen die Dachlandschaft.

Auffällig erscheint die Konzentration kommunizierender Produktionshallen samt Energiezentrale mit aufragendem Kamin. Das Verwaltungsgebäude und ein Kombinationsbau mit Kantine ergeben ein raumbildendes Ensemble, das mit baukünstlerischer Qualität seine zentrale Bedeutung im Betriebszusammenhang unterstreicht. Außerdem fällt die beachtliche Reihung der identischen Baukörper der Spriterei und der Knetsäle nebst weithin sichtbarem Turmakzent ins Auge, Zeugnis des forcierten Werksausbaues in den 1930er Jahren.

Die Bauformen zeigen ein überschaubares Spektrum. Die durchgängige Verwendung des Backsteins wirkt dem Eindruck von Heterogenität entgegen. Von Relevanz erscheint die feuerfeste Konstruktionsweise mit Eisenbeton. Die gründerzeitlich geprägte Grundhaltung, die klassizistische und historisierende Motive kennzeichnen, nimmt kurz nach 1900 schönlinige Jugendstilelemente auf. Andererseits verleihen Brandmauern, die eine Attika ausbilden, den Baukörpern eine strenge Kubatur. Von der Technik haben sich nur wenige Elemente erhalten. Als repräsentative Reformarchitektur ist die noble Direktorenvilla von 1910 durch den Garten samt Ausblick auf den Rhein privilegiert.

Dieter Krienke