Die Flutkatastrophe im Ahrtal – ein Sachstandsbericht

Nach den ersten Aufräumarbeiten konnte im September ein Expertenteam, zusammengesetzt aus Denkmalpflegern, Architekten, Ingenieuren und Restauratoren, mit Begehungen im schwer getroffenen Ahrtal starten.

In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli haben schwere Unwetter im Westen Deutschlands in vielen Gebieten zu verheerenden Verwüstungen geführt. In Rheinland-Pfalz sind zahlreiche Städte und Gemeinden von Hochwasser und Zerstörungen betroffen und vielerorts wurden ganze Altstädte, Ortskerne und Stadtteile überflutet. Besonders schwer getroffen wurde dabei das Ahrtal. Hinsichtlich des Wiederaufbaus werden auch für die Denkmalfachbehörden der Umgang mit den Schäden an Kulturdenkmälern sowie die Beratungen der Denkmaleigentümer in der kommenden Zeit eine gewaltige Aufgabe darstellen.

Zunächst wurde in Kooperation mit der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, der Handwerkskammer Koblenz sowie dem Institut für Steinkonservierung e. V. im August eine „Online-Informationsveranstaltung zu durch Hochwasser geschädigter Bausubstanz“ angeboten. Die Veranstaltung richtete sich an Privatleute sowie (Bau-)Unternehmen und befasste sich u. a. mit Fragen nach dem Umgang mit geschädigter und kontaminierter Bausubstanz durch bspw. eingedrungenes Heizöl oder Fäkalien sowie mit der Trocknung von Lehmgefachen und -putzen. Daneben wurden auch die Sicherung von beweglichem Kunst- und Kulturgut betrachtet sowie Hilfestellungen und praktische Hinweise zum Erkennen, Erfassen und Dokumentieren von Schäden, zu anstehenden Sanierungsmaßnahmen oder zur Einschätzung von Schimmelpilzbefall gegeben. Nützliche Handreichungen zu diesen Themen sowie auch weiterführende Links finden Sie auf der Homepage der Landesdenkmalpflege.

Zur gleichen Zeit erfolgte von der Landesdenkmalpflege sowie dem Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz e. V. (RVDL) ein Aufruf an Sachverständige, die Direktion Landesdenkmalpflege aufgrund des immensen Ausmaßes der Katastrophe aktiv bei der Schadensaufnahme sowie ‑kartierung vor Ort zu unterstützen. Dem Aufruf folgten 25 Experten – Architekten, Ingenieure und Restauratoren –, sodass am 2. September der erste Begehungstermin stattfinden konnte. In jeweils unterschiedlicher Besetzung und Gruppenstärke bereiste das Expertenteam über einen Zeitraum von insgesamt fünf Wochen das Ahrtal. Vor Ort wurden zunächst Zweier- oder Dreier-Teams gebildet, die anhand einer zuvor erstellten Liste in Abstimmung mit den Eigentümern die einzelnen Denkmäler besuchten und ihren Zustand von innen und außen begutachteten. Anhand eines von der Landesdenkmalpflege erstellten Erfassungsbogens wurde der jeweilige Bestand sowie das Schadenausmaß nach bestimmten Kriterien erfasst, darunter die Bauweise (Fachwerk- oder Massivbau), der Zustand der Konstruktion, das Ausmaß der Schäden und der Schadstoffbelastung, die Notwendigkeit statischer oder restauratorischer Untersuchungen usw. Insbesondere restauratorische Untersuchungen sowie konservatorische Notsicherungen, aber auch statische Untersuchungen und Holzschutzgutachten, wurden zum Teil direkt mit Mitteln von der Landesdenkmalpflege beauftragt. Ebenfalls von Bedeutung war die Frage, ob Baupläne bereits existieren bzw. ob solche für die anstehenden Sanierungsmaßnahmen notwendig sind. Denn von diversen Hochschulen – nicht nur aus Rheinland-Pfalz, sondern auch aus Köln, Frankfurt und Augsburg – kamen Angebote, mit Hilfe von Studierenden die Landesdenkmalpflege bei der Erstellung von Bauaufmaßplänen zu unterstützen. Über die zuvor angelegten Erfassungsbögen des Expertenteams konnte nunmehr eine Liste mit Denkmälern aufgestellt werden, die sich nicht nur in besonderem Maße für dieses studentische Vorhaben eigneten, sondern auch dringend auf die Erstellung von Plänen für eine anstehende Sanierung angewiesen waren. Neben denkmalgeschützten Wohnhäusern werden dabei von den Universitäten auch größere Bauwerke wie Kirchen oder Brücken berücksichtigt, die mit Drohnen oder durch Photogrammetrie erfasst und gescannt werden. Die Koordinierung der acht beteiligten Hochschulen wurde dankenswerterweise durch Prof. Heinrich Lessing von der University of Applied Sciences (Frankfurt/Main) übernommen.

Die Restauratoren der Landesdenkmalpflege bereisen derzeit vor allem Kirchenbauten und beraten hier zum Umgang mit Schäden an der Bausubstanz sowie an beweglicher und unbeweglicher Ausstattung wie bspw. Altären. Nicht selten kristallisiert sich dabei heraus, dass anstehende Restaurierungsmaßnahmen gerade bei Ausstattungsstücken, die tagelang unter Wasser standen – wie im Fall eines Rokoko-Altars in Reimerzhoven – eine besondere Herausforderung darstellen werden, da schlichtweg Erfahrungswerte fehlen. Nicht unerwähnt soll dabei bleiben, dass die eindringenden Wassermassen mitunter die jüngste Farbschicht oder Tapete abspülten und darunter historische Wandmalereien und -dekorationen zum Vorschein kamen, die es zu erhalten gilt. So etwa in Bad Neuenahr in der sog. Rosenkranzkirche oder der katholischen Kapelle St. Antonius und Sebastian. Diese vermutlich bauzeitlichen Farbfassungen des 19. Jahrhunderts werden derzeit restauratorisch untersucht, um mögliche anschließende Maßnahmen zu definieren.  

Bislang konnten bereits über 160 Denkmäler begangen werden, darunter fallen auch Gesamtanlagen mit mehreren Gebäuden. Denkmaleigentümer sowie alle anderen geschädigten Gebäudeeigentümer können zudem seit Ende September/Anfang Oktober bei der ISB-Bank (für Privatleute) oder bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Trier (für Gebäude in kommunaler Hand) Wiederaufbauhilfen beantragen.

Karola Sperber, Weiterbildung und Vermittlung
Constanze Hüther, Praktische Denkmalpflege