18. Tatort Altbau: Kirchen in Not – ungenutzt, umgenutzt?

Schrumpfende Gemeinden, Priestermangel, zurückgehende Kirchensteuern, fehlende Bauunterhaltung und energetische Mängel sind die Ursachen für die Leerstände und den Sanierungsstau an vielen Kirchen, die in den letzten Jahren zunehmend zu deren Veräußerung oder gar Abbruch führten.

Der von der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, der Handwerkskammer Koblenz und der Direktion Landesdenkmalpflege der GDKE zum 18. Mal veranstaltete „Tatort Altbau“ am 6.11.2019 in Trier widmete sich daher dem aktuellen Thema der Umnutzung von Sakralbauten. Den passenden Rahmen bot die 1960/61 von dem bekannten Architekten Gottfried Böhm erbaute katholische Pfarrkirche Heiligkreuz, um deren Erhaltung sich ein rühriger Förderverein bemüht. Über dessen Aktivitäten berichteten Elisabeth Ruschel und Dr. Stefan Grabowsky, während Architekt Michael Schwarz das Gebäude und seinen Werdegang vorstellte. 

In seinem geistlichen Impuls zu Beginn der mit über hundert Teilnehmern gut besuchten Veranstaltung erinnerte Pfarrer Theo Welsch von der Heiligkreuz-Gemeinde an das vom Apostel Paulus im ersten Korintherbrief skizzierte Bild der christlichen Gemeinde als Gottes Bau und deren Aufgabe, auf dem gelegten Grundstein auf- und weiterzubauen. Die Bedeutung der Kirchen als prägende Elemente der Kulturlandschaft und zugleich als geistliche „Heimat“ betonte Hermann-Josef Ehrenberg vom Vorstand der Architektenkammer Rheinland-Pfalz bei der Begrüßung und appellierte an die Verantwortung der Architekten für einen der Würde des Ortes angemessenen Umgang mit sakralen Gebäuden, der immer auch die emotionale Bindung der Gemeinden einbeziehen müsse.

Dr. Martin Bredenbeck (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz) beklagte unter dem Blickwinkel des Kunsthistorikers den Mangel an Wertschätzung für die Bauten der Nachkriegszeit, aus der jedoch viele qualitätvolle Werke hervorgegangen seien. Der Abbruch einer Kirche bedeute gerade in den neueren Stadtvierteln oft den Verlust des urbanen Mittelpunkts und trage zur städtebaulichen Nivellierung bei. Wenn das Kirchengebäude untergehe, werde die Kirche schnell auch als Akteur unsichtbar. In seinem Vortrag zeigte Bredenbeck die gesamte Bandbreite möglicher Umnutzungen von Kirchen auf und konstatierte dabei neben gelungenen Beispielen in manchen Fällen eine bedauerliche Hilflosigkeit im Umgang mit den vorhandenen Raumqualitäten. Weniger problematisch erscheinen dagegen manche auf den ersten Blick ungewöhnliche Verwendungen, etwa für eine Kletterhalle, wenn sie als reversible, die Substanz weitgehend schonende Einbauten erfolgen. Vor allem jedoch riet er zu mehr Geduld und zu dem Mut, eine leere Kirche auch einmal einfach stehenzulassen und abzuwarten, bis sich Lösungen ergeben.

Dr. Marius Linnenborn und Dr. Andreas Poschmann vom Deutschen Liturgischen Institut (DLI) in Trier legten dar, dass der Kirchenraum nicht an sich heilig sei, sondern seine Erfahrbarkeit als „etwas anderes“ nur aus seiner kirchlichen Nutzung hervorgehe. Zugleich sei die Sehnsucht nach heiligen Orten und deren mystischer Atmosphäre jenseits konfessioneller Bindungen ein ernstzunehmendes Bedürfnis vieler Menschen, dem die leichtfertige Aufgabe einer Kirche nicht gerecht werde. In einer 2003 von den deutschen Bischöfen vorgelegten Arbeitshilfe stellen die Veräußerung einer Kirche, ihre Verwendung zu kommerziellen Zwecken oder gar ihr Abbruch nur die letzten aller Möglichkeiten innerhalb der „Nutzungskaskade“ dar. Stattdessen plädierten die Referenten für eine Nutzungserweiterung unter Beibehaltung zumindest eines sakralen Restraums und für ein öffentlich zugängliches diakonisches Angebot. Anliegen einer vom DLI entwickelten Online-Ausstellung „Straße der Moderne“ ist es, auf die wichtigsten Kirchenbauten des 20. und 21. Jahrhunderts in Deutschland aufmerksam zu machen und die kunst- sowie liturgiegeschichtlichen Entwicklungslinien dieser Zeit nachzuzeichnen (http://www.strasse-der-moderne.de/).

Über das Experiment, eine Kirche zum Büro- oder zum Wohnhaus auszubauen, berichteten die Projektentwickler Jan H. Eitel und Dr. Martin Koch (vierviertel Projektentwicklungs-GmbH). Bei den von ihnen vorgestellten vier Projekten aus Freiburg i. B. und Trier geht zwar der Innenraum durch die neue Unterteilung verloren, doch ist zumindest die städtebauliche Wirkung des durch Schäden gefährdeten Baukörpers gerettet. Das Ergebnis bemisst sich dabei freilich auch an der jeweiligen architektonischen Qualität.

Für einen „dritten Weg“ zwischen traditioneller Gottesdienstnutzung und Profanierung warb der ehemalige Trierer Diözesanarchitekt Prof. Alois Peitz. Eine besondere Aufgabe komme dabei den Fördervereinen zu, die als Bewegung „von unten“ zur Rettung ihrer Kirchen beitragen. Als letzte öffentliche Räume bieten die Kirchen Menschen in Notsituationen geistige Zufluchtsorte, die ihnen im wörtlichen wie übertragenen Sinne immer offen stehen sollten. Ebenso ergebe die Öffnung auch für ungewohnte, doch gemeindefreundliche Zwecke, die den Geist der Bauten respektieren, neue Perspektiven. Trägergesellschaften könnten dabei die überforderten Gemeinden bei den organisatorischen Aufgaben entlasten. 

Programm-Flyer

Georg Peter Karn