Haus im Haus – Zurück ins Hochmittelalter

Eines der ältesten Fachwerkhäuser in Rheinland-Pfalz steht in Diez!

Eine vorher nicht zu erwartende, sehr frühe Datierung hat die Bauuntersuchung eines Gebäudes in der Pfaffengasse in Diez zutage gebracht. Dass die ehemalige Lateinschule ein besonderes Gebäude darstellt, war allen am Projekt Beteiligten von Beginn an klar. Aber was für ein außergewöhnliches Denkmal sich hinter der langestreckten Fachwerkfassade verbirgt, konnte anfangs niemand ahnen.

Im Jahr 2019 entschloss sich die Eigentümerfamilie, das leerstehende Gebäude zu kaufen und mit einem ausgeklügelten Konzept instand zu setzen. In dem großvolumigen Bau werden die Eigentümer Wohnraum für sich selber schaffen, es werden aber auch weitere Wohnungen entstehen, die vermietet werden sollen. Als besonders stellt sich bei dem Konzept dar, dass die äußerst verwinkelten räumlichen Strukturen des Gebäudekomplexes dabei so gut wie unangetastet bleiben.

Da bei Ortsbegehungen schnell klar wurde, dass in dem verschachtelten Grundriss des Gebäudes mehr steckt, forderte die Landesdenkmalpflege eine bauhistorische Untersuchung, um genauere Informationen zum Bauablauf der Vergangenheit zu erhalten. Die Untersuchung konnte im Rahmen eines Zuschusses finanziell unterstützt werden.

Die Ergebnisse der bauhistorischen Forschung sind als spektakulär zu bezeichnen. Dendrochronologische Untersuchungen der verbauten Hölzer haben ergeben, dass sich hinter der Renaissance-Fachwerkfassade von 1602 (d) umfangreich ein hochmittelalterliches Fachwerkhaus erhalten hat, das im Jahr 1326 (d) errichtet wurde. Auch die bei der Errichtung zur Anwendung gekommene Ständerbauweise sowie die Verblattungen der Balken weisen auf das hohe Alter des Kerngebäudes hin, da es sich um Konstruktionsweisen handelt, die in späteren Zeiten keine Verwendung mehr fanden.

Anders als das Renaissance-Gebäude, das sich traufständig entlang der Straße erstreckt, war der hochmittelalterliche Bau mit seinem Giebel zur Straße errichtet worden. Sein Obergeschoss besaß auf der Straßenseite und einer Längsseite eine starke Auskragung. Auf dem ebenfalls zum hochmittelalterlichen Gebäude gehörenden tonnengewölbten Keller haben sich nicht nur zahlreiche Wandstrukturen bis hinauf ins Dachgeschoss erhalten, sondern auch ganze Deckenkonstruktionen aus dem frühen 14. Jahrhundert sind noch vorhanden, sodass sich der Ursprungsbau bis hin zur Raumaufteilung heute noch recht genau nachvollziehen lässt.

Auch die Bauphase von 1602 (d) ist umfangreich im Bestandsgebäude bewahrt geblieben. Besonders erwähnenswert ist dabei, dass der große Saal der Lateinschule bei dem Umbau nur durch einen eingestellten, zweiräumigen Kubus ergänzt wurde, sodass sich in diesem Bereich hochmittelalterliche und Renaissancestrukturen in Art eines Hauses im Haus miteinander verbinden, so wie dies im Großen mit dem gesamten früheren Bestand durchgeführt wurde, der in vielen Bereichen einfach durch den Renaissance-Bau ummantelt wurde.

Die letzte bedeutendere Umbauphase fand nach 1719 (d) statt, als Fenster vergrößert und in ihrer Lage verändert wurden. Im Inneren wurden repräsentative Treppenläufe mit plastischen Holzbalustern eingebracht, über die noch heute der Zugang zu den Obergeschossen erfolgt.

Unterlassener Bauunterhalt und die Verwendung falscher Materialien in den letzten Jahrzehnten führten schließlich zu den häufig anzutreffenden Schadensbildern. Die kleineren baulichen Veränderungen des 19. und 20. Jahrhunderts griffen aber kaum in die vorhandenen Strukturen ein, sodass sich in Diez mit der Lateinschule ein Gebäude erhalten hat, das aufgrund seines frühen Entstehungszeitpunktes und der umfassend erhalten gebliebenen historischen Substanz seinesgleichen in Rheinland-Pfalz sucht.

Mit den neuen Eigentümern hat das Fachwerkensemble glücklicherweise Bauherren gefunden, die äußerst behutsam mit der Substanz umgehen und bis auf einen kleineren Eingriff im Eingangsbereich die Raumstrukturen komplett beibehalten werden. Die sensible Herangehensweise der Bauherren und ein denkmalerfahrener Planer, der bereits in der Vergangenheit zusammen mit der Familie unter Denkmalschutz stehende Objekte instand gesetzt hat, sind Voraussetzung für dieses beachtenswerte Projekt.

Dr. Katinka Häret-Krug
Praktische Denkmalpflege